Alessandro GhisalbertiRomane · Erzählungen · Ränder Startseite

Ränder · Straßen

Straßen

Orte, Wartezeiten und Begegnungen, aus denen Geschichten entstehen.

Zwei junge Akkordeonspieler in der Via San Tommaso

Junge Musiker

Ich wohnte in einer kleinen Einzimmerwohnung in der Via San Tommaso, in der Altstadt.

Es war eine einfache Wohnung, aber durch die Fenster fiel ein Licht, das mir guttat. Eines Nachmittags hörte ich von der Straße eine Ziehharmonika heraufklingen.

Ich schaute hinaus und sah diese zwei sehr jungen Leute: Er spielte und blickte dabei nach oben, sie sammelte die Münzen ein, die die Leute aus den Fenstern warfen.

Für ein paar Minuten schien die Straße stillzustehen.

Sie wirkten nicht wie Musiker, die nur auf der Durchreise sind.

Anna auf einer Bank am Viale Papa Giovanni XXIII

Anna

Anna – man nannte sie „la Pisuna“.

Sie schlief in den Vorräumen der Geldautomaten. Hier saß sie am Viale Papa Giovanni XXIII.

Sie hatte etwas an sich, das ich bei niemandem mehr gefunden habe: eine raue, wilde, fast filmische Präsenz.

Für viele war sie nur eine Frau am Rand. Mir kam sie vor wie aus einer Geschichte, die irgendwo schon geschrieben war.

Die kniende Frau im Vicolo San Lazzaro

Die kniende Frau

Im Vicolo San Lazzaro sah ich diese Frau, die vor einer Mauer kniete.

Ich hatte noch nie jemanden so betteln sehen, auf den Knien, mit einer fast unwirklichen Haltung.

Ich ging ein erstes Mal vorbei. Als ich Stunden später zurückkam, war sie immer noch da, in derselben Haltung, mit ein paar Münzen in einem kleinen offenen Behälter und einem Zettel fest in den Händen.

Wirklich getroffen hat mich ihr Blick. Kein verzweifelter Blick, sondern etwas Stilleres, unmöglich zu erklären.

Als ich ihr eine Münze gab, lächelte sie kaum merklich.

Seitdem trage ich diese Szene in mir als eines der stärksten Bilder meiner Ränder.

Don Mario und der Mann aus dem Osten im Hof

Don Mario und der Mann aus dem Osten

Im Hof fegt ein junger Mann schweigend den Boden. Er tut es, ohne dass ihn jemand wirklich darum bittet, als wäre die Sorge um ein kleines Stück Erde schon eine Art, in der Welt zu wohnen.

Etwas weiter sitzen mitten auf der Straße, als wäre es ihr Wohnzimmer, Don Mario, ein Priester, und ein Mann aus Osteuropa mit langem Bart und einem vom Unterwegssein müden Blick.

Genau das berührt mich. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie dort sitzen. Mitten im Hof. Vor aller Augen.

Der Mann mit dem Bart lebt auf der Straße. Don Mario dagegen war sein ganzes Leben lang auf den Straßen unterwegs: Bolivien, Stadtränder, Armut, Begegnungen, menschliche Mühen.

Aber auf diesem Bild sehe ich keine Not. Ich sehe keine Armut.

Ich sehe zwei Menschen, die nebeneinandersitzen und einander noch wirklich zuhören können.

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